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Europa will Souveränität. Aber wer gießt die Teile dafür?

Europa will Souveränität. Aber wer gießt die Teile dafür?

Ein Gastbeitrag von Mona Neubaur, Reinhard Tweer und Henry Goecke

Die Branche verliert seit Jahren Produktion, Betriebe und Wissen. Am 10. Juli kommen Politik, Gewerkschaft und Industrie zum Nationalen Gießereigipfel zusammen. Es ist höchste Zeit.

In Mülheim an der Ruhr steht eine Gießerei, die seit über 200 Jahren Stahl gießt. Hier wurden Komponenten für den Leopard 2 gefertigt, lange bevor Verteidigungsfähigkeit wieder auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda stand. 2020 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Es wurde gerettet – aber nur, weil ein Rüstungskonzern einsprang, der ohne diesen einen Standort seine Panzer nicht mehr ausliefern konnte. Was nach Industriegeschichte aussah, entpuppt sich als sicherheitspolitischer Engpass.

In diese Geschichte steckt alles, was man über die Lage der deutschen Gießerei-Industrie wissen muss: die stille strategische Bedeutung, die chronische wirtschaftliche Verwundbarkeit und die Tatsache, dass der Verlust dieser Kompetenz nicht rückgängig zu machen ist, sobald er erst eingetreten ist. Wissen geht. Fachkräfte gehen. Schmelzöfen werden abgerissen.

Heute laden wir zum Nationalen Gießereigipfel nach Berlin. Zwölf Bundesländer, der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie und die IG Metall legen gemeinsam Positionen vor. Das ist keine Routineveranstaltung. Es ist der Versuch, einen schleichenden industriellen Substanzverlust zu stoppen, bevor er irreversibel wird.

Ein Drittel der Produktion weg – und kaum jemand redet darüber

Die Zahlen sind alarmierend. Seit 2018 hat die deutsche Gießerei-Industrie 40 Prozent ihrer Produktion verloren und fast ein Fünftel ihrer Beschäftigung. Von einstmals 80.000 Arbeitsplätzen sind noch knapp 68.000 übrig. Setzt sich dieser Trend fort, errechnet das Institut der deutschen Wirtschaft Köln einen jährlichen gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfungsverlust von rund 65 Milliarden Euro und langfristig den Wegfall von fast 600.000 Arbeitsplätzen in Deutschland – direkt und über Zulieferketten.

Das mag abstrakt klingen, ist es aber nicht. Kaum eine Branche im produzierenden Gewerbe kommt ohne Gusserzeugnisse aus: Maschinenbau, Windkraft, Automobilindustrie, Energietechnik, Verteidigung – Guss steckt in Rotornarben und Gehäusen von Windkraftanlagen ebenso in hochpräzisen Turbinen- und Triebwerksteilen der Raumfahrt. Die 545 deutschen Gießereien sind das verbindende Glied industrieller Wertschöpfungsketten. Wenn dieses Glied bricht, bricht die Kette, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Denn eine gleichwertige Gießereikapazität existiert auf dem Kontinent nicht.

Transformation scheitert nicht am Willen, sondern am Strom

Die Branche will sich verändern. Das ist keine Schutzbehauptung. Ein mittelständisches Familienunternehmen wie Hermann Reckers in Rheine hat konkrete Pläne: Kupolofenbetrieb abschalten, elektrische Schmelztechnologie einführen, eine der größten eigenverbrauchsoptimierten Photovoltaikanlagen in NRW aufbauen und so jährlich 12.000 Tonnen CO₂ einsparen. Das Unternehmen steht bereit. Aber der Netzanschluss fehlt. Und ohne den ist die gesamte Investition wertlos.

Das ist kein Einzelfall, sondern Systemversagen. Gießereien liegen häufig außerhalb von Ballungszentren, also dort, wo die Energieinfrastruktur nicht für industrielle Elektrifizierung ausgelegt ist. Wer heute einen Elektroofen bestellt, wartet drei Jahre auf den Stromanschluss. Transformationswille und Transformationsfähigkeit klaffen weit auseinander. Hinzu kommt: Strom kostet in Deutschland drei- bis viermal so viel wie bei internationalen Wettbewerbern. Wer unter diesen Bedingungen in Elektrifizierung investiert, riskiert seine Wettbewerbsfähigkeit, statt sie zu sichern.

Was die Politik jetzt liefern muss

Die Forderungen sind längst bekannt und trotzdem nicht erfüllt. Ein wirksamer Industriestrompreis mit einem Zielwert von 5 Cent pro Kilowattstunde ist keine Subvention, sondern die Korrektur einer wettbewerbsverzerrenden Abgabenstruktur. Wer deutsche Industrie an internationale Maßstäbe heranführen will, muss auch die Kosten an internationale Maßstäbe annähern.

Die Branche steht zu den Klimazielen. Aber wir brauchen einen verbesserten Carbon-Leakage-Schutz. Steigende CO₂-Kosten ohne ausreichenden Schutz gegen Importe aus Ländern ohne vergleichbare Standards sind keine echte Klimapolitik – sie sind Deindustrialisierungspolitik mit grünem Anstrich. Die geplante Kürzung des Produktbenchmarks für Eisenguss im EU-ETS um 40 bis 50 Prozent würde Betriebe treffen, die bereits an ihrer Wettbewerbsgrenze operieren.

Und schließlich: Förderprogramme müssen auch für den Mittelstand gemacht sein, nicht nur für Konzerne mit eigenen Fördermittelabteilungen. Rund 80 Prozent der deutschen Gießereien sind kleine und mittlere Unternehmen. Wer diese nicht erreicht, erreicht die Branche nicht.

Europa hat keine zweite Chance

Die eigentliche Dimension dieses Problems ist europäisch. In einer Zeit, in der Lieferketten als geopolitische Waffe eingesetzt werden und Verteidigungsfähigkeit wieder zum Kern europäischer Sicherheitspolitik gehört, kann Europa es sich nicht leisten, abhängig von Gussimporten aus Fernost zu werden. Guss ist kein austauschbares Vorprodukt. Er erfordert jahrzehntelang aufgebautes Prozesswissen, spezialisierte Fachkräfte, standortgebundene Infrastruktur.

Nordrhein-Westfalen ist mit 134 Betrieben und rund 20.000 Beschäftigten der größte Gießerei-Standort Deutschlands und damit auch der größte Gießerei-Standort Europas. Was hier entschieden wird, hat Konsequenzen weit über die Landesgrenzen hinaus. Deshalb hat NRW die Initiative für den heutigen Gipfel ergriffen. Nicht aus Nostalgie für eine alte Industrie, sondern aus wirtschaftspolitischem Kalkül: Wer industrielle Resilienz will, muss sie jetzt sichern.

Die Gießerei-Industrie ist bereit zur Transformation. Sie braucht dafür keine Garantien, aber sie braucht Rahmenbedingungen, unter denen Investitionen eine Zukunft haben. Der heutige Gipfel ist ein erstes Signal. Jetzt muss Handeln folgen.


Mona Neubaur ist Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen sowie stellvertretende Ministerpräsidentin.

Reinhard Tweer ist Geschäftsführer der Tweer GmbH und Unternehmer in der deutschen Gießerei-Industrie.

Henry Goecke ist Geschäftsführer der Institut der deutschen Wirtschaft Consult GmbH.

Impressionen vom Gießereidialog am 10.07.2026