Das Land der Luftfahrtzulieferer hebt ab
Ein Gastbeitrag von Mona Neubaur
Nordrhein-Westfalen hat keine eigene Flugzeugfabrik. Dafür stecken unsere Werkstoffe, Triebwerkskomponenten und Digitallösungen in nahezu jedem modernen Flugzeug der Welt. Jetzt nutzen wir diesen Vorsprung – und gestalten die Transformation der Luftfahrt aktiv mit.
Wer über die Zukunft der deutschen Luftfahrtindustrie spricht, denkt zuerst an Hamburg und München. An Airbus-Werke, an Triebwerksfertigung, an OEM-Präsenz. Das ist verständlich – und gleichzeitig nur die halbe Wahrheit. Denn während andere Standorte das Flugzeug zusammenbauen, liefert Nordrhein-Westfalen einen Großteil dessen, woraus es besteht: Hochleistungswerkstoffe, Antriebskomponenten, Sensorik, Digitallösungen, synthetische Kraftstoffe. Über 400 Unternehmen und Forschungseinrichtungen sind im Netzwerk AeroSpace.NRW erfasst – vom Hidden Champion im Sauerland bis zum Deep-Tech-Start-up in Aachen.
Diese Stärke steht unter Druck. Die Luftfahrt durchläuft eine der tiefgreifendsten Transformationen ihrer Geschichte. Bis 2045 soll der internationale Luftverkehr klimaneutral sein – das ist nicht nur ein ambitioniertes Ziel, es ist ein industriepolitischer Wendepunkt. Wer jetzt in die richtigen Technologien investiert, wird in zwanzig Jahren zu den Gewinnern zählen. Wer abwartet, verliert Marktanteile, die er nicht zurückbekommt. Für NRW als Zuliefererstandort gilt das besonders: Wenn sich die Antriebe ändern, müssen sich unsere Unternehmen ändern. Wenn nachhaltige Flugkraftstoffe zur Pflicht werden, wollen wir sie nicht nur tanken, sondern herstellen.
Deshalb haben wir heute die Luftfahrtindustriestrategie NRW vorgelegt. Sie ist kein Wunschzettel. Sie benennt konkrete Handlungsfelder – Forschungsschwerpunkte, Finanzierungsinstrumente, Netzwerkstrukturen – und sie wird sofort mit Mitteln unterlegt. Das Luftfahrtforschungsprogramm des Bundes (LuFo) wird mit 90 Millionen Euro aus Strukturstärkungsmitteln des Rheinischen Reviers aufgestockt. Damit wird das Rheinische Revier, das sich gerade vom Kohlegebiet zum Innovationsraum wandelt, zu einem Förderschwerpunkt für emissionsarme Luftfahrtantriebe, Wasserstofftechnologien und unbemannte Flugsysteme. Strukturwandel und Luftfahrttransformation werden so kein Parallelgeschehen mehr – sie werden zusammengeführt.
Warum ist NRW für diese Aufgabe gut aufgestellt? Nicht trotz, sondern wegen seiner Industriegeschichte. Die Kompetenzen, die jahrzehntelang Stahl, Chemie und Schwermaschinenbau getragen haben, sind dieselben, die heute für nachhaltige Luftfahrt gebraucht werden: Werkstofftechnik, Verfahrenstechnik, Produktionstechnologie. RWTH und FH Aachen gehören zu den führenden Lehr- und Forschungsstandorten für Luft- und Raumfahrttechnik in Deutschland. Das DLR unterhält große Standorte in Köln, Aachen und Jülich, darunter ein eigenes Institut für Future Fuels. Und in Jülich läuft bereits eine Demonstrationsanlage für solare Flugkraftstoffe – nicht in einem Forschungsbericht, sondern im Realbetrieb.
Das größere Bild dahinter ist eines, das die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland noch nicht ausreichend erfasst hat: Klimaschutz und Industriestandort sind kein Widerspruch – sie sind, wenn man es richtig macht, zwei Seiten derselben Münze. Der globale Markt für nachhaltige Flugkraftstoffe, für emissionsarme Antriebe, für hybride und elektrische Luftfahrtsysteme wächst. Prognosen gehen bis 2044 von über 40.000 neu benötigten Verkehrsflugzeugen weltweit aus. Das ist kein Nischenszenario. Das ist ein Massenmarkt, der gerade entsteht. NRW will in diesem Markt nicht Zuschauer sein.
Ich weiß, dass solche Strategiepapiere skeptisch bewertet werden – zu Recht. Zu oft wurden Papiere vorgelegt, die im Regal verschwanden. Deshalb setzen wir bewusst auf zwei Dinge: Erstens konkrete Maßnahmen, die sofort greifen, nicht erst in fünf Jahren. Die 90 Millionen Euro für das Rheinische Revier, die Einbindung von AeroSpace.NRW als Umsetzungspartner, die Verknüpfung mit dem neuen Cluster Defence.NRW für Dual-Use-Technologien – das sind keine Absichtserklärungen. Zweitens: Wir verstehen diese Strategie als lebendes Dokument. Sie wird jährlich überprüft und angepasst – gemeinsam mit Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Gewerkschaften.
Nordrhein-Westfalen hat den Strukturwandel schon einmal gemeistert – im Ruhrgebiet, das sich vom Kohle-Revier zur Technologieregion gewandelt hat. Dieser Geist der Erneuerung gehört zur DNA unseres Landes. Ihn jetzt auf die Luftfahrt zu übertragen, ist keine Frage des Ob. Es ist eine Frage des Wie schnell. Und daran arbeiten wir.